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Meine Reise durch Amerika

von Roland Jung

Während knapp sechs Monaten reiste ich mit einer Custom Harvest-Crew, also Lohnunternehmen durch Amerika. Die Reise startete im Süden von Oklahoma nahe der texanischen Grenze und führte via Kansas, South Dakota und Minnesota hoch in den Norden nach North Dakota unweit der kanadischen Grenze. Als ich am 12. Juni in Oklahoma landete war die Ernte bereits in vollem Gange und die Case Mähdrescher waren bereits im Einsatz. An das enge Zusammenleben im Wohnwagen musste ich mich erst gewöhnen. Auch die Zusammenarbeit war am Anfang noch etwas holprig. Von dem 9-köpfigem Team waren 7 neu dabei! Schon am zweiten Tag wurde ich auf den Drescher gesetzt, der noch neu und nie im Einsatz war. Mein Chef Al erklärte mir das nötigste und dann ging es los. Anfangs etwas unsicher und verwirrt durch das ständige Gerede am Funk, konnte ich mich bald in die Gruppe einfügen und fand so meinen Platz. Die Felder waren wie erwartet riesig, doch entgegen meiner Vorstellung nicht immer flach und quadratisch. Vor allem im Süden war der Einsatz von AutoSteer oder GPS aufgrund der verwinkelten Felder unmöglich. In den Monaten Juni/Juli ist, wie bei uns auch, klar Hauptsaison und wir waren jeweils nur für eine Woche an einem Standort. Danach wurde wieder alles verladen und weitergezogen. Das war jeweils immer stressig! Denn gemäss Zitat von Al: «Die Mähdrescher verdienen nur Geld, wenn sie sich durch Weizen fressen! Hinten auf dem Tiefgänger bringen die nichts, da kosten sie nur!» Also wurden jeweils bis Mitternacht mit Hilfe von Stirnlampen Maschinen verladen, Anhängerzüge zusammengehängt, sowie Wohnwagen aufgeräumt und reisefertig gemacht. Um 04.00 Uhr morgens ging die Fahrt jeweils los. Meist war ich mit einem der Pickups sowie einem Wohnanhänger unterwegs, da ich keine CDL (US. Lastwagenprüfung) hatte. Die stundenlangen Konvoi-Fahrten sowie die Sonnenaufgänge über dem schier endlosen Horizont entschädigten jeweils für wenig Schlaf und den Stress.

Meist waren wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine angeführt von Al und eine von einem langjährigen Vorarbeiter. Teilweise mehrere Stunden voneinander entfernt und sogar in verschiedenen Bundesstaaten. So kam es auch vor das jemand 7h unterwegs war um ein Ersatzteil zu holen bei der anderen Gruppe... Man gewöhnt sich dran... Ich war froh mit Al unterwegs zu sein! Erst recht als seine Frau Liz uns jeweils für eine Zeit besuchte und so für die Verpflegung verantwortlich war. So gab es auch mal Gemüse anstatt immer nur Take-Away Burger zum Abendessen.

Die Trockenheit verursachte zum Teil rekordverdächtige Ernteausfälle. Noch nie hatte ich solchen Weizen gesehen. Manchmal nur 25-30cm hoch und nicht mal eine Tonne Ertrag pro Hektar. Teils lohnte es sich nicht mehr die Felder zu dreschen und wurden gleich gegrubbert. Es gab aber auch Felder, die nass waren und das Getreide flach am Boden lag. Gut, dass die Maschinen mit Allrad ausgestattet waren, aber der Überladewagen blieb trotzdem mehrmals stecken.

Trotz allem waren wir insgesamt der Zeit voraus und hatten dadurch für fast drei Wochen keine Arbeit mehr im August. Die Zwangspause nutzte jeder auf seine Art. Die «Einheimischen», die nur ein paar Autostunden entfernt wohnten, besuchten Familie und Freunde für ein paar Tage und wir drei Übersee-Arbeiter (Beni Schweiz, Daniel Neuseeland und Ich) buchten einen kurz Trip nach Las Vegas. Die Millionen Stadt, die niemals schläft, war eine willkommene Abwechslung von den sonst eher verschlafenen und einsamen Gegenden in denen wir unterwegs waren. Im gemieteten Ford Mustang ging es noch zum Grand Canyon, der uns unglaublich faszinierte und uns wirklich klein erscheinen liess. Ein, abgesehen von der Hitze (täglich 40° C, teilweise bis 45° C,) cooler und verdienter Ausflug.

Weiter ging es mit dreschen auf einer Farm in North Dakota. Auch da machte sich der Ernteausfall bemerkbar. Die 10`000 Hektar Farm betreibt vier eigene Mähdrescher und stellt Al nur zur Unterstützung an. Diese wurde aber fast nicht benötigt und so waren wir nur mit zwei statt normal mit bis zu vier Maschinen im Einsatz. Langsam machte sich der Herbst bemerkbar. Am Morgen hatte es teilweise Nebel, zudem regnete es immer wieder, was jeweils zu einem Unterbruch von mehreren Tagen führte. Die Tage zogen sich und das ständige warten im Camper umgeben von Niemandsland wurde langsam aber sicher zur Geduldsprobe. Doch auch das ging vorbei und so konnten wir die intensive Weizensaison Mitte September beenden. Dann hiess es umrüsten zur Herbstsaison. Es ging retour nach South Dakota, wo rund 4000 Ha auf zwei Mähdrescher warteten. Eine sportliche Ansage! Die restlichen Maschinen verblieben in Crookston, Minnesota, wo die Firma ihren Sitz hat und unterstützte dort die umliegenden Farmer bei der Ernte. Die Sojabohnen mit durchschnittlichem Ertrag wurden mit den 13.5 Meter breiten MacDon Flex Schneidwerken geerntet, die wir auch im Weizen im Einsatz hatten. Danach waren die Sonnenblumen an der Reihe, was neu für mich war. Das ständige Risiko aufgrund des öligen Staubes Feuer zu entfachen, war Anfangs ungewohnt. Durch regelmässiges abblasen der Maschinen konnten wir die Gefahr mindern. Zudem stand zur Sicherheit immer ein Wassertank am Feldrand. Später dann im Mais hatten wir nur noch eine Maschine zur Verfügung. Ausgerüstet mit einem 12-reihigen Maisgebiss von Geringhoff. Die Temperaturen sanken in den Minusbereich und es kündigte sich bereits der erste Schnee an und so gab es nochmals ein paar lange und intensive Tage, in denen die Maschinen teilweise 20 Stunden am Tag liefen. In knapp acht Tagen ernteten wir so rekordverdächtige 850 Hektar Mais!

Dann ging alles schnell... während einer Woche mussten alle Maschinen retour gezügelt, gewaschen sowie zum Händler zurückgebracht werden. Die firmeneigenen Traktoren und Trucks wurden ebenfalls gewaschen und auf dem Betriebsgelände eingestellt. Servicefahrzeuge sowie die Camper mussten ausgeräumt, geputzt und durchgecheckt werden. Es war eine Last Minute Aktion, denn bereits am nächsten Tag hatten wir die ersten 20 cm Neuschnee! So machten sich die Mitarbeiter, die mittlerweile nach so langer Zeit auf engem Raum zu guten Freunden wurden, auf den Heimweg und auch ich buchte meinen Flug. Am 17. November landete ich wieder in der Schweiz und kann auf eine sehr spannende und intensive Zeit in Amerika zurückblicken. Rund 4200 Hektaren erntete ich während 680 Stunden, was die Mähdrescherkabine teilweise zu einem zweiten Wohnzimmer machte. 2800 Kilometer waren wir unterwegs von einer Farm zur anderen. Ein Wahnsinns-Abenteuer, das durch 12 Staaten führte und mich nebenbei während den Regenpausen zu teils faszinierenden Orten führte wie z.B. den Mount Rushmore, Las Vegas oder den Pikes Peak Berg in Colorado auf über 4300 M.ü.M. Eine Erfahrung, die ich nicht so schnell vergessen werde und mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Zur Firma:

Allen Westlake gründete seine Firma 1986 in Crookston, Minnesota und ist seither jedes Jahr mit 5-6 Mähdreschern von Mitte Mai bis Mitte November unterwegs. Über die Jahre konnte er sich einen engen Kundenkreis aufbauen, der ihm Dank seiner sauberen Arbeit auch in schwierigen Jahren treu ist und sich auf die langjährige Erfahrung verlassen kann. Al übernimmt die gesamte Dienstleistung von der Ernte bis zum Abtransport ins kundeneigene Getreidelager oder direkt zur Sammelstelle. Im Einsatz stehen dafür Case IH 9250 Axial-Flow Mähdrescher der neusten Generation. Diese werden geleast und sind jeweils nur eine Saison im Einsatz. Dazu kommen die 40/45ft. breiten MacDon Flex Draper Schneidwerke für Weizen, Raps und Sojabohnen. Für den Einsatz im Mais stehen drei 12-16 Reihen Geringhoff Maisgebisse zur Verfügung. Für Sonnenblumen zwei Drago Gold Pflücker mit 12 und 16 Reihen. Die 8 Kenworth Trucks mit Auflieger sind firmeneigen und übernehmen verschiedene Aufgaben wie den Transport von Equipment oder Abtransport von Getreide. Ebenfalls eigen sind die vier Brent Überladewagen sowie die drei Traktoren von Case und John Deere. Um komplett unabhängig zu sein stehen auch zwei Servicetrucks inkl. Dieseltanks im Einsatz sowie zwei 12 Meter lange Wohnanhänger.